Das Freitagsgedicht (49)



Bereicherung

Zwei Menschen haben mein Gedicht gelesen
von Armen und Reichtum auf dieser Welt.
Es half den beiden beim Genesen
vom Virus namens Jagd nach Geld.

Die Verse haben mir noch nicht gefallen,
die Reime waren weder rein noch gut.
Ich zeigte sie herum trotz allem.
Welch selbstgerechter Übermut.

Und dennoch sind sie nutzvoll angekommen.
Sie starben nicht im eitlen Kunstvergleich.
Schon der Versuch wurd' angenommen
und meine Freude macht mich reich. 

Wie fern ist doch die Kunst dem Leben,
denn Reichtum bringt, sie fortzugeben.

Das Freitagsgedicht (48)


Lemminge



Vielleicht ists schlimm, voll Herdentrieb zu sein.
Mein Schicksal hängt am Fuße eines andern.
Ich fühl mich wohl, ich bin ja nie allein.
Doch kopflos werd´ ich in den Abgrund wandern.

Die Ahnung drückt mit wachsendem Gewicht.
Um mich herum seh ich nur Lemmingmassen,
Nur wo der Ausweg wäre, seh ich nicht
und möchte doch das Unfassbare fassen.
Ich laufe keinen andren hinterdrein,
woraus auch immer die die Richtung grad gewonnen.
Doch rettete ich mich allein,
wär alle Freiheit mir zur Einsamkeit geronnen.

Ein Lemming lebt auf dieser Erde
nun einmal glücklich nur in seiner Herde.

Wer auf die Bühne steigt ...

... übernimmt damit eine Verantwortung. Er fabriziert sich nicht nur selbst, sondern er ist in dem Moment zuständig für die Zeit seiner Zuhörer. Die müssen nachher sagen können, es war schön, meine Minuten genau für diese Wahlmöglichkeit verausgabt zu haben (und nicht: Wär ich lieber daheim geblieben. Ich hätte die Texte auch lesen können.)
Der Künstler ist dabei sowohl zuständig für seine Botschaft als auch dafür, dass sie ankommt. Deshalb sollte er ausreichend sich selbst testen, dass er sich möglichst auch unter widrigen Umständen in einen Zustand hineinsteigert, aus dem heraus ein Publikum mitreißen kann.
Lesungen im engeren Sinn sind ein Sonderfall, weil das Publikum "nur" jemanden erwartet, der liest. Ist ein "Programm" angekündigt, muss auch eines kommen.

Nicht so gut gewesen ...

Nun muss ich in mich gehen: Es kann nicht jeder alles. Slov ant Gali ist eben eigentlich kein Showtyp, der alle Unsicherheit überspielen kann.
Der Auftritt im BAIZ gestern war sehr chaotisch. Sollte der als Generalprobe durchgehen, darf man sich auf die Premiere freuen - es war aber Premiere ...
Das BAIZ sollte man kennen - auch wenn nicht vorübergehend Hinterzimmer-Rauchverbot vereinbart wurde:
Es begann mit der Unsicherheit der Anfangszeit. Auf FB stand 19.00 Uhr, im Programmheft 20.00 Uhr, angefangen haben wir 20.05 Uhr und der Raum überfüllt hatte sich dann um 21.00 Uhr. Das war besonders problematisch, weil mehrmals Stühle nachträglich aufgestellt wurden. Vielleicht wäre ich besser beraten gewesen, meinen Prosatext zu lesen, mich am Blatt festzukrallen und unabhängig, was im Raum passierte, die Pointe anzusteuern. Das wäre zwar für die meisten Zuhörer ungünstig gewesen, weil sie den Anfang nicht erlebt hatten, aber ich hätte wenigstens mich selbst im Griff gehabt. Vielleicht ... nein: Ich werde nie Gedichte und Lieder richtig lernen. Ich brauche den Text vor Augen ... und der verschwamm vor eben diesen in Anbetracht des Blendlichts total. Ergo: Knapp an der glatten Sechs vorbei ... und das geht halt nur, wie das Programm andeuten sollt, nur, wenn ein Papi da ist, durch den man keine Divi-sion braucht, weil man Divi-dende kassiert. Gut fürs Publikum: Als nächster war Frank Viehweg dran - der konnte nicht nur mit der Situation spielen, sondern auch fesselnd singen ... (in der späten Pause flüchtete ich in meine Krankheit ...hoffentlich fiel das keinem der dann antretenden Künstler auf - die Chance wegen de Überfüllung war groß)

Das Freitagsgedicht (47)


bei vollmond


das klare wasser
spiegelte
den wölfen
menschengesichter
entgegen
da heulten sie
ihr leid
zum mond

als sie danach aber
ihre fänge
im wasser kühlten
und den durst löschten
waren sie wieder
wölfe
am waldrand

wir belachten
am lagerfeuer
die abwegige fantasie
des fabulierenden indianers

welch unsinn
klares wasser
da hätte kein wolf
geheult

Das Freitagsgedicht (46)


Animageddon


Ein vergeblich untergetauchter Lachs
spuckt singend
Blut in die Flut.

Ein schwitzender Eisbär
bräunt sich sein
Unschuldsfell.
Myriaden von Spatzen
ersäufen Krümelverweigerer
im endlos steigenden
Wattenmeer.

Eine weinende Eule
verabschiedet letzte Menschen
aus dem Licht.

Ratten
buchstabieren
Op-tions-schein.

Durch die breiten Straßen
Frankfurts treiben
Bullen und Bären
Nadelstreifen ins Nichts.

Das Freitagsgedicht (45)


Jahreswechsel


Komm, ich reim dir eine Sonne
in das neue Jahr hinein
und die wird kein böses Zeichen
für den Klimawandel sein.

Komm, ich häng in unsern Kirschbaum
einen Mond mit Sichelform
und bedecke dich mit Küssen,
denn die kleiden dich enorm.

Für verträumte Augenblicke
schieb sie weg, die böse Welt.
Pfeif auf Ticketautomaten!
Bleibst du hier, fehlt uns kein Geld .