2 Lampedusa-Gedichte zum Freitag

Keine Titanic vor Lampedusa
  
Hätte ich drei Klassen,
hätt´ ich einen Namen,
den in hundert Jahren
noch ein jeder kennt.
Doch ich bin nur illegal,
Bin ein Schiff der vierten Wahl.

Vor der Hoffnungsinsel
in Europas Süden
darf mich niemand sehen,
schwimmt kein Berg aus Eis.
Und auf mir gibt´s illegal
Flüchtlinge der vierten Wahl.

Wie sie alle reden,
wie konnt das passieren,
schuldig ist da keiner -
nur ich Schmuggelschiff.
Denn auf mir sind illegal
Passagiere vierter Wahl.

Bald bin ich vergessen.
Europa fest ummauert.
Meinesgleichen sterben
mit der Hoffnung stumm.
Schleus´ ich ja nur illegal,
Passagiere vierter Wahl.


Lampedusa II

Stacheldrahtgeflechte vom Himmel abgedrohnt.
Du Flüchtling ohne Namen du hast nur eine Wahl.
Du wirst ein Europäer, bist tot du eingesackt.
Ansonsten zahlst du Strafe, denn du bist illegal

Maximus Gauckelius, der weiß, was Inseln sind.
Deutschland, das ist keine, da kommst du niemals an.
Und legst du Rettungsfeuer, dann brat auch selber drin.
Du wirst kein Asylant sein. Und das ist gut für dich.

Ach könnt sich das nicht reimen,
dann wär es ein Gedicht.
Mit Blick auf Lampedusa

fehlt´ ihm gereimt Gewicht.

Bekanntmachung ...


Und hier ist es nun: Das erste direkt aus der poetischen Kooperation von Poeten entstandene gedruckte Werk, erschienen im Verlag Verlag neun9zig: Aus dem gemeinsamen Buch von Slov ant Gali, Gunda Jaron und Ricardo Riedlinger "Liebe ... m.b.H." je ein Beitrag der beteiligten Autoren (alles bekannte Gedichte aus diesem Blog ... dachte ich, doch zumindest, was Ricardo anging, erwies sich dies als Irrtum):



Gunda Jaron: 
"Schade eigentlich"

Slov ant Gali: 
"Nachruf"

Ricardo Riedlinger:
 "Liebe im Winter" ...

3 Gedichte zum 11. September 1973, dem CIA-Verbrechen an Chile

Ein chilenischer Traum

im kreißsaal der geschichte / sind die bilder noch frisch
von der ohne schmerz und wehenmittel / eingeleiteten entbindung

keine gewalt / hatte dem köpfchen / der Unidad Popular
den blick auf eine menschlichere zukunft frei gemacht
die ersten liter milch / waren schon verteilt

manche hebamme / wischte heimlich tränen ab:
könnte nicht jedes neue kind / so friedlich / geboren werden?

da kam die generalsjunta / vom antizukunftsgeburtsamt
und sie zertrümmerte / kind und dichter und
erstickte gesänge der hoffnung

doch im so gewandelten eissaal der geschichte
hauchten schon die nächsten Schwestervölker
in die steif gefrorenen hände.
Patcha Mama bleibt fruchtbar / sie nimmt sich die Zeit
damit eine bessere Welt heranwachsen kann.

Für Victor Jara, 1973


Verloren ging mein elfter September.

Es ist der Tag nicht, den sie besetzten!

Niemand wurzelt aus ihm seinen Terror.

Mein elfter September liegt in älterem Grab.

Meiner ließ die Gitarre brechen.

Meiner ließ die Hände zerschlagen.

Meiner ließ Hoffende erschießen.

Wenn du das unscheinbare Grab findest,
setze darauf eine Rose.



Am Ozean dem Stillen

Welch Großer Gesang
Und die Kordillieren verteilten sein Echo
Und die sich an Händen hielten wurden mehr und mehr
Und sie einte Weg und Ziel sie hatten frei gewählt
Und es schien Frieden mit denen deren Leben Krieg war
denn Menschlichsein heißt auch sich irren.

Die Judasse aber nahmen Silberlinge
Die Generäle gehorchten denen die das Geld gaben
Die befahlen tötet alle die ihre Stimme erheben

Die Treuen traf es zuerst
Trauriger Tag als der Tod Allende fand 
Und der Poet dichtete nicht mehr
Und der Sänger sang nicht mehr
Und die Saiten der Gitarre schlug niemand mehr an
Aber im Echo lebte der Große Gesang weiter
Zwischen Schnee und Eis blickte der Gipfel des Cerro El Roble hoffend zum Himmel

denn nie gehört die Ewigkeit den Mördern

Das Freitagsgedicht (54)


Senry

was kann ich schon tun
ich bin ein nichts so allein
alle ichs sind schuld

Das Freitagsgedicht (53)

Haiku

Trauerweidenwald
Zweige peitschen mein Gesicht
Kein Weg hin zu dir

ein Antifa-Tag

Mittwoch, 7.30 Uhr.
Augenblicklich gefühltes Alter: zwischen 105 und 110 Jahre
mehrere Teile des Halteapparats (hauptsächlich Knie und Wirbelsäule) scheinen geschwollen
Gesamtgefühl: positiv

Inzwischen habe ich in der jW die Berichterstattung gelesen. Eigentlich eine ärgerliche, denn ob mit Absicht oder nicht – sie wird dem Stadtbezirk so wenig gerecht wir den Ereignissen, wenigstens, soweit ich sie miterlebte.

Über Liveticker https://twitter.com/AntiRa_Info_MH wurde aufgerufen, um 17.30 Uhr am ehem. Max-Reinhardt-Gymnasium zu sein. An der nächsten ecke sei eine NPD-Demo angemeldet.
Nun verbindet sich mit diesem Gymnasium sehr persönliches. Meine Tochter war dort nicht nur „Schülerin", sondern sie war es unter Vorzeichen, dass wir uns selbst als "Wirtschaftsflüchtlinge" betrachten konnten. Hätte sie nicht außerordentliche Aufnahme gefunden, wer weiß, wie viele persönliche Entfaltungsmöglichkeiten ihr unverschuldet versperrt geblieben wären …
Jedenfalls war ich 17.30 Uhr zugegen. Zu diesem Zeitpunkt war nur ein mageres Häuflein besonders hart gesottener Antifas zugegen. Lustig, dass etwas später per Lautsprecher angesagt wurde, dass sich anfangs die Flüchtlinge vor ihnen gefürchtet hätten. Es ist wahrscheinlich sehr viel von den engagierten Jugendlichen verlangt, zu bedenken, dass sie durch ihren äußeren eindruck die Solidarisierung der gewöhnlichen Anwohner mit ihnen erschweren …
Nun gut. Die Pünktlichkeit war nicht das allzu tief verwurzelte Merkmal der gleich Gesinnten, aber eventerfahren sammelte sich in der nächsten Viertelstunde eine respektable Zahl von menschen, die unter der Losung „Refugees welcome" antreten wollten. Und dann kam die Meldung über Lautsprecher, dass wir einer Falschmeldung der Polizei aufgesessen seien. Die Veranstaltung der Hardcore-Rechten sei auf dem Alice-Salomon-platz angemeldet, etwa eine U-bahn-Station entfernt.
Eine "Völkerwanderung" setzte ein. Warum die Polizisten, von denen wir bis dahin wenige zu Gesicht bekommen hatten, (nur) eine Laufrichtung blockierten, klärte sich später: sie verhinderten damit, dass die Antifas im Rücken der Rechten ankamen.
Deren Veranstaltung verdiente sich einen Sprechchor besonders: "Ihr seid so lächerlich ..."
maximal (!) 30 Maria-statt-Scharia-Wahlkämpfer erfreuten sich eines beschützten Eckchens. Die Zahl der Gegendemonstranten wage ich nicht zu schätzen. Sie dürfte zwischen 300 und 1000 gelegen haben.
Das Auftreten der Polizei war nicht eindeutig. Die offen Antretenden waren deeskalierend wenige. Trotzdem verzichteten einige Trupps nicht auf provozierende Angriffe. Von einer der zur Gewaltbereitschaft Ausgerüsteten bekam ich immerhin ein zustimmendes Nicken auf meinen Ruf "Schämt euch!". Der Angriff, mit dem wahrscheinlich der Durchmarsch der vergeblichen Hetzer auf die Platzmitte erreicht werden sollte, wurde zur Lachnummer. Hinter den eingebrochenen Polizisten schloss sich die Schneise wieder – es passierten noch mehr Kleinigkeiten, die den Uniformierten die Unrühmlichkeit ihres Auftretens nahe brachte – nicht nur die Sprechchöre "Wo wart ihr in Rostock?".
Worüber in der rechten Ecke akustisch öffentlich akustisch onaniert wurde, drang nicht durch. Da waren dann auch weniger geschmackvolle Rufe wie "Halt die Schnauze!" ausreichend.
20.30 Uhr war dann meine Körperkraft restlos erschöpft. Ich versuchte, per Heimwanderung die Bewegungsfähigkeit wieder herzustellen. Ob es Taktik der Polizei gewesen sein könnte, einige Rechte in die Nähe der Flüchtlingsschule zu lassen, indem sie uns von dort weglockten, kann ich nicht sagen. Aus dem Ticker kam jedenfalls keine Katastrophenmeldung.
Zusammenfassend kann man die Gegendemo als gelungene Ehrenrettung eines in falsche Schlagzeilen geratenen Stadtbezirks betrachten … oder doch nicht ganz. Zwar kamen die Rechten nicht zum Zuge und nur der Polizeischutz ermöglichte ihnen ihre peinliche Zusammenrottung, doch blieb auch auf dem zentralen Platz von Hellersdorf der "normale Hellersdorfer" unterrepräsentiert. Müssen sich die braven Bürger wirklich von Jugendlichen, die sich auf ihrem T-Shirt sarkastisch selbst als "3. Wahl" abqualifizieren, zeigen lassen, was eine menschliche Haltung ist? das schließt linke Politiker ein, die mir nicht aufgefallen sind. Haben die Angst, mit Ausgespuckten der heutigen Ellenbogengesellschaft zusammen gesehen zu werden … weil das Wählerstimmen kosten könnte?


Ein Sprechchor am Rande: "Ihr habt den Krieg verlorn!" Ein Bekenntnis zur Leistung der Roten Armee, die die Hauptlast trug und die Hauptleistung vollbrachte, die Welt mit Deutschland darin vom Faschismus zu befreien. Dass sich das gegen die unverbesserlichen neuen Faschismus richtete, war klar. Irgendwie richtete es sich aber eben auch gegen die Masse der Mitläufer, der deutschen, die eben versäumt haben, eine Katastrophe zu verhindern, als das noch gegangen wäre, und dann wie besoffen über Menschen hergefallen sind, denen nur ein Verbrechen zur Last gelegt werden konnte. Sie wollten leben … und heute wollen sie es immer noch ...  

Das Freitagsgedicht (52)

Am Ozean dem Stillen

Welch Großer Gesang
Und die Kordillieren verteilten sein Echo
Und die sich an Händen hielten wurden mehr und mehr
Und sie einte Weg und Ziel sie hatten frei gewählt
Und es schien Frieden mit denen die Krieg atmen 
denn Menschlichsein heißt auch irren.

Die Judasse aber nahmen Silberlinge
Die Generale gehorchten denen die das Geld gaben
Die befahlen tötet alle die ihre Stimme erheben
Die Treuen traf es zuerst
am Tagen als der Tod Allende fand 

Und der Poet dichtete nicht mehr
Und der Sänger sang nicht mehr
Und die Saiten der Gitarre schlug niemand mehr an
Aber im Echo lebte der Große Gesang weiter
Zwischen Schnee und Eis blickt der Gipfel des Cerro El Roble hoffend zum Himmel
denn nie gehört die Ewigkeit den Mördern