Posts mit dem Label Freitagsgedicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Freitagsgedicht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitagsgedichte 65 & 66

Variationen zu einem Gleichnis (3)

Als sie aus ihrer
Maulwürferei
heraufgestiegen
schien ihnen die Blendung
durch Sonnenstrahlen
unerträglich

Also kehrten sie zurück

Die draußen aber
im Sonnenschein
lachten Sabbate
als Götter des Nichts


Variationen zum Höhlengleichnis (4)


Gefangen,
in Schatten
Wahrheit zu sehen,
glücklich
zu glauben,
was zu sein scheint,
seit Kindes Augen schon,
verdammen wir
die uns ans Licht holen,
das gleißende Reich
des Aber,

ins Gehtdochnicht.

Freitagsgedicht 63 & 64

Slov ant Gali: sprache gegeben

gebrannte wörter
kühlen ihre haut an
weißem papier

gib mir
die sprache
des anfangs wieder
verstehen 
nicht verbergen

wörter wie worte
verglimmen
in hirnen
zu asche
der vernunft

ich blase hinein
tränen mäandern

über meine rußige haut 


familie der ameisen

jämmerlich
die welt
die götter braucht
die es nicht gibt
die die ewige wahrheit hüten
die es nicht gibt
um titanen zu besiegen
die es nicht gibt

komm
meine kleine ameise
reiche mir deine
fühlerputzscharte
denn uns
gibt es 

Freitagsgedichte 61 & 62

Klagelied des Mondes für seine Erde

Jeder Morgen immer wieder
bringt voll Angst den Spiegelblick.
Und dann senkst du deine Lider,
lauschst den Schmerzen im Genick.

Liebe Erde, lass dir sagen,
ich kann deine Schändung spürn,
Soll ich diese Menschen fragen,
die dich in den Abgrund führn.


Der letzte Mensch
(nach Mathias Claudius)

Der Mond ist aufgegangen
Wie oft hab ich gehangen
im Traum am Eichenstumpf.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Städten steiget
kein Lebenslaut, nicht hell, nicht dumpf.

Wie ist die Welt so stille,
da keines Menschen Wille
der Erde Ruhe stört!
Vergessen jeder Jammer
Es schlägt der Zeiten Hammer
Ruinen eben, ungehört.

Wir konnten nur mit Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen

Durch selbst gemachten Tod!
Wär einer doch gekommen,
hätt uns die Gier genommen,
wir teilten ehrlich Lieb und Brot!
So grab ich euch, ihr Brüder,
Ins Erdreich ein und wieder
ist kalt der Abendhauch.
Zu spät ist es für Strafen,
Ich werde ewig schlafen!
Und meine kranke Erde auch!  

vernissage & glatt erzogen - Gebilligtes im Schnellwaschgang ... (Freitagsgedichte 59 & 60)

Ein Friedrichshainer Autorenkreis ohne richtigen Leiter akzeptierte folgende Gedichte:

glatt erzogen

wenn du schreist
dann schreie leise
leise schreien
das ist weise

wenn du rennst
dann langsam bitte
langsam möglichst
in der mitte

wenn du abhebst
nah am boden
dann verkneif dir
schrille moden

ecke niemals
böse an
sei nicht frau und
sei nicht mann

führe aus
was man dir sagt
sprich nicht wider
ungefragt

leb ein wenig
blässlich rot
dann merkts niemand
bist du tot

vernissage

und da standen sie zusammen
jeder sagte
ICH
mach kunst
und sie haben sich beschrieben
jeder jedem seine welt
darin fehlte
ihnen fehlte
sprecht´s nicht aus das wörtchen
geld

und da standen sie beisammen
und ein jeder stand für sich
und wenn einmal sich ein blick traf
gab es lächeln
bitterlich

Und sie gingen auseinander
jeder seinen eignen weg
und sie glaubten sich verschworen
über alle ihre ohren
hoch verschuldet
kaum geduldet
auf dem schmalen
voller qualen
lebenslangen pilgerweg

also floh ich raus ins leben
konnt´ ja sein

das würd´ es auch noch geben

Freitagsgedichte (56)

Ich behielt Recht: Es wäre besser gewesen, den "Ratgeber" gleich ohne die ursprüngliche Strophe 2 zu lesen. Sie verführte nur zu abwegigen Fragen. Hier die bereinigten Fassungen - beide zweistrophig ...

Ratgeber für angehende Lyrikpreisträger


Willst du ganz unverstanden bleiben,
musst du moderne Lyrik schreiben.
Dem Dichter ist das Wort gegeben,
um sich vom Denken abzuheben.
Was jeder gut verstehen kann,
ist sicher irgendwie profan.
Zu dem, woran sich alle laben,
kann jeder auch ne Meinung haben.

Und wirst du dann vor Scham mal rot,
mach weiter so, bald bist du tot.
Merkt erst die Nachwelt, du schlugst Schaum,
dann stört´s als Engel dich wohl kaum.
Dann dichtest du den dümmsten Schrott,
und wer versteht´s nicht? Richtig: Gott.  

Himmlisches


Sehr schwülstig reimt er „Augenstern,
ich habe dich von Herzen gern.“
Dabei … die beiden wissen schon,
ein Stern treibt meistens Kernfusion.
Er steht zum Glück in weiter Ferne.
Hautnah hätt´ ihn wohl keiner gerne.

Sind zwei romantisch und besessen,
sind Astro und Physik vergessen.
Da zählt nur eins in großer Eil,
sie will ihn nackt, er ist so geil.
Sie bleiben nächtens lange munter,

und holn sich manchen Stern herunter.  

2 Lampedusa-Gedichte zum Freitag

Keine Titanic vor Lampedusa
  
Hätte ich drei Klassen,
hätt´ ich einen Namen,
den in hundert Jahren
noch ein jeder kennt.
Doch ich bin nur illegal,
Bin ein Schiff der vierten Wahl.

Vor der Hoffnungsinsel
in Europas Süden
darf mich niemand sehen,
schwimmt kein Berg aus Eis.
Und auf mir gibt´s illegal
Flüchtlinge der vierten Wahl.

Wie sie alle reden,
wie konnt das passieren,
schuldig ist da keiner -
nur ich Schmuggelschiff.
Denn auf mir sind illegal
Passagiere vierter Wahl.

Bald bin ich vergessen.
Europa fest ummauert.
Meinesgleichen sterben
mit der Hoffnung stumm.
Schleus´ ich ja nur illegal,
Passagiere vierter Wahl.


Lampedusa II

Stacheldrahtgeflechte vom Himmel abgedrohnt.
Du Flüchtling ohne Namen du hast nur eine Wahl.
Du wirst ein Europäer, bist tot du eingesackt.
Ansonsten zahlst du Strafe, denn du bist illegal

Maximus Gauckelius, der weiß, was Inseln sind.
Deutschland, das ist keine, da kommst du niemals an.
Und legst du Rettungsfeuer, dann brat auch selber drin.
Du wirst kein Asylant sein. Und das ist gut für dich.

Ach könnt sich das nicht reimen,
dann wär es ein Gedicht.
Mit Blick auf Lampedusa

fehlt´ ihm gereimt Gewicht.

Das Freitagsgedicht (54)


Senry

was kann ich schon tun
ich bin ein nichts so allein
alle ichs sind schuld

Das Freitagsgedicht (53)

Haiku

Trauerweidenwald
Zweige peitschen mein Gesicht
Kein Weg hin zu dir

Das Freitagsgedicht (52)

Am Ozean dem Stillen

Welch Großer Gesang
Und die Kordillieren verteilten sein Echo
Und die sich an Händen hielten wurden mehr und mehr
Und sie einte Weg und Ziel sie hatten frei gewählt
Und es schien Frieden mit denen die Krieg atmen 
denn Menschlichsein heißt auch irren.

Die Judasse aber nahmen Silberlinge
Die Generale gehorchten denen die das Geld gaben
Die befahlen tötet alle die ihre Stimme erheben
Die Treuen traf es zuerst
am Tagen als der Tod Allende fand 

Und der Poet dichtete nicht mehr
Und der Sänger sang nicht mehr
Und die Saiten der Gitarre schlug niemand mehr an
Aber im Echo lebte der Große Gesang weiter
Zwischen Schnee und Eis blickt der Gipfel des Cerro El Roble hoffend zum Himmel
denn nie gehört die Ewigkeit den Mördern

Das Freitagsgedicht (51)

Versteh mich

 ist es schlimm
wenn ich
nicht ich
sein möchte?
 du sagst
ja
doch wollte ich
ich sein
wäre ich
nicht ich
und du
müsstest mich
nicht so sehr
lieben weil
für mich

reichte ich mir

Das Freitagsgedicht (50)

Galaxis Ich


Du bist / ein Ich.
Bist du / mein Ich?
Ich falle / aus deinem
in meinen Rahmen.
Bist du / auch
wie ich dich sehe
in mir / oder bin ich
was ich / in dir sehe,
wenn ich mich male?
Ich bin / ein Nichts
ohne dich, / so wie du
ein Nichts bist / ohne mich.
Aber / indem ich sage,
ich bin ein Nichts,
bin ich,
weil ich mich liebe.

Das Freitagsgedicht (49)



Bereicherung

Zwei Menschen haben mein Gedicht gelesen
von Armen und Reichtum auf dieser Welt.
Es half den beiden beim Genesen
vom Virus namens Jagd nach Geld.

Die Verse haben mir noch nicht gefallen,
die Reime waren weder rein noch gut.
Ich zeigte sie herum trotz allem.
Welch selbstgerechter Übermut.

Und dennoch sind sie nutzvoll angekommen.
Sie starben nicht im eitlen Kunstvergleich.
Schon der Versuch wurd' angenommen
und meine Freude macht mich reich. 

Wie fern ist doch die Kunst dem Leben,
denn Reichtum bringt, sie fortzugeben.

Das Freitagsgedicht (48)


Lemminge



Vielleicht ists schlimm, voll Herdentrieb zu sein.
Mein Schicksal hängt am Fuße eines andern.
Ich fühl mich wohl, ich bin ja nie allein.
Doch kopflos werd´ ich in den Abgrund wandern.

Die Ahnung drückt mit wachsendem Gewicht.
Um mich herum seh ich nur Lemmingmassen,
Nur wo der Ausweg wäre, seh ich nicht
und möchte doch das Unfassbare fassen.
Ich laufe keinen andren hinterdrein,
woraus auch immer die die Richtung grad gewonnen.
Doch rettete ich mich allein,
wär alle Freiheit mir zur Einsamkeit geronnen.

Ein Lemming lebt auf dieser Erde
nun einmal glücklich nur in seiner Herde.

Das Freitagsgedicht (47)


bei vollmond


das klare wasser
spiegelte
den wölfen
menschengesichter
entgegen
da heulten sie
ihr leid
zum mond

als sie danach aber
ihre fänge
im wasser kühlten
und den durst löschten
waren sie wieder
wölfe
am waldrand

wir belachten
am lagerfeuer
die abwegige fantasie
des fabulierenden indianers

welch unsinn
klares wasser
da hätte kein wolf
geheult

Das Freitagsgedicht (46)


Animageddon


Ein vergeblich untergetauchter Lachs
spuckt singend
Blut in die Flut.

Ein schwitzender Eisbär
bräunt sich sein
Unschuldsfell.
Myriaden von Spatzen
ersäufen Krümelverweigerer
im endlos steigenden
Wattenmeer.

Eine weinende Eule
verabschiedet letzte Menschen
aus dem Licht.

Ratten
buchstabieren
Op-tions-schein.

Durch die breiten Straßen
Frankfurts treiben
Bullen und Bären
Nadelstreifen ins Nichts.

Das Freitagsgedicht (45)


Jahreswechsel


Komm, ich reim dir eine Sonne
in das neue Jahr hinein
und die wird kein böses Zeichen
für den Klimawandel sein.

Komm, ich häng in unsern Kirschbaum
einen Mond mit Sichelform
und bedecke dich mit Küssen,
denn die kleiden dich enorm.

Für verträumte Augenblicke
schieb sie weg, die böse Welt.
Pfeif auf Ticketautomaten!
Bleibst du hier, fehlt uns kein Geld .

Das Freitagsgedicht (44)


 Pietät?


Auf welche Weise
sollten wir ihn
beerdigen?
Im Eichensarg
vor dem letzten Weg
von bezahlten Kosmetikern
zu jugendlicher Scheinfrische geschönt?
Noch einmal mit krematorialer
Rauchfahne verkündend,
vom Vertreter Gottes auf Erden
sind wir erlöst?
Oder sorgen wir dafür,
dass seine Spuren sich
auf der Erde verlieren?
Vielleicht fertigen wir noch
eine kunstvolle Urne,
dass nach Jahrtausenden
verwunderte Baumeister
auf erfrischter Krume
etwas finden, um sich zu wundern.
Ja, werden sie sagen,
damals, werden sie sagen,
war die Zeit des Schwarzkünstlers
mit den vielen Pseudonymen.
So viele vergessen sein werden,
die Urne ziert nur
KAPITALISMUS.

Das Freitagsgedicht (43 a)

AUS


wirzeit
weltraumkalt
unsere liebe
erfroren
kristalle atmen
ins leere
nichts
trägt mehr
töne

Das Freitagsgedicht (43)


schwere-los

unsere liebe
weltraumkalt
kristalline atemluft
ins leere
nichts
trägt töne
einer wirzeit
nur anderensterns
atmosphären 

Das Freitagsgedicht (42)


November

zum fallen zu faul
der regen

das vernebelte jahr
lässt sich nicht
abschieben
ins pflegeheim

sind die engel bereit
zum schlussverkauf
ist rieselschnee
für tannengrün
auf lager?

bunte blätter
getrocknet
zwischen alten kalenderseiten
ich blättere
in den neuen
ab märz