ein Antifa-Tag

Mittwoch, 7.30 Uhr.
Augenblicklich gefühltes Alter: zwischen 105 und 110 Jahre
mehrere Teile des Halteapparats (hauptsächlich Knie und Wirbelsäule) scheinen geschwollen
Gesamtgefühl: positiv

Inzwischen habe ich in der jW die Berichterstattung gelesen. Eigentlich eine ärgerliche, denn ob mit Absicht oder nicht – sie wird dem Stadtbezirk so wenig gerecht wir den Ereignissen, wenigstens, soweit ich sie miterlebte.

Über Liveticker https://twitter.com/AntiRa_Info_MH wurde aufgerufen, um 17.30 Uhr am ehem. Max-Reinhardt-Gymnasium zu sein. An der nächsten ecke sei eine NPD-Demo angemeldet.
Nun verbindet sich mit diesem Gymnasium sehr persönliches. Meine Tochter war dort nicht nur „Schülerin", sondern sie war es unter Vorzeichen, dass wir uns selbst als "Wirtschaftsflüchtlinge" betrachten konnten. Hätte sie nicht außerordentliche Aufnahme gefunden, wer weiß, wie viele persönliche Entfaltungsmöglichkeiten ihr unverschuldet versperrt geblieben wären …
Jedenfalls war ich 17.30 Uhr zugegen. Zu diesem Zeitpunkt war nur ein mageres Häuflein besonders hart gesottener Antifas zugegen. Lustig, dass etwas später per Lautsprecher angesagt wurde, dass sich anfangs die Flüchtlinge vor ihnen gefürchtet hätten. Es ist wahrscheinlich sehr viel von den engagierten Jugendlichen verlangt, zu bedenken, dass sie durch ihren äußeren eindruck die Solidarisierung der gewöhnlichen Anwohner mit ihnen erschweren …
Nun gut. Die Pünktlichkeit war nicht das allzu tief verwurzelte Merkmal der gleich Gesinnten, aber eventerfahren sammelte sich in der nächsten Viertelstunde eine respektable Zahl von menschen, die unter der Losung „Refugees welcome" antreten wollten. Und dann kam die Meldung über Lautsprecher, dass wir einer Falschmeldung der Polizei aufgesessen seien. Die Veranstaltung der Hardcore-Rechten sei auf dem Alice-Salomon-platz angemeldet, etwa eine U-bahn-Station entfernt.
Eine "Völkerwanderung" setzte ein. Warum die Polizisten, von denen wir bis dahin wenige zu Gesicht bekommen hatten, (nur) eine Laufrichtung blockierten, klärte sich später: sie verhinderten damit, dass die Antifas im Rücken der Rechten ankamen.
Deren Veranstaltung verdiente sich einen Sprechchor besonders: "Ihr seid so lächerlich ..."
maximal (!) 30 Maria-statt-Scharia-Wahlkämpfer erfreuten sich eines beschützten Eckchens. Die Zahl der Gegendemonstranten wage ich nicht zu schätzen. Sie dürfte zwischen 300 und 1000 gelegen haben.
Das Auftreten der Polizei war nicht eindeutig. Die offen Antretenden waren deeskalierend wenige. Trotzdem verzichteten einige Trupps nicht auf provozierende Angriffe. Von einer der zur Gewaltbereitschaft Ausgerüsteten bekam ich immerhin ein zustimmendes Nicken auf meinen Ruf "Schämt euch!". Der Angriff, mit dem wahrscheinlich der Durchmarsch der vergeblichen Hetzer auf die Platzmitte erreicht werden sollte, wurde zur Lachnummer. Hinter den eingebrochenen Polizisten schloss sich die Schneise wieder – es passierten noch mehr Kleinigkeiten, die den Uniformierten die Unrühmlichkeit ihres Auftretens nahe brachte – nicht nur die Sprechchöre "Wo wart ihr in Rostock?".
Worüber in der rechten Ecke akustisch öffentlich akustisch onaniert wurde, drang nicht durch. Da waren dann auch weniger geschmackvolle Rufe wie "Halt die Schnauze!" ausreichend.
20.30 Uhr war dann meine Körperkraft restlos erschöpft. Ich versuchte, per Heimwanderung die Bewegungsfähigkeit wieder herzustellen. Ob es Taktik der Polizei gewesen sein könnte, einige Rechte in die Nähe der Flüchtlingsschule zu lassen, indem sie uns von dort weglockten, kann ich nicht sagen. Aus dem Ticker kam jedenfalls keine Katastrophenmeldung.
Zusammenfassend kann man die Gegendemo als gelungene Ehrenrettung eines in falsche Schlagzeilen geratenen Stadtbezirks betrachten … oder doch nicht ganz. Zwar kamen die Rechten nicht zum Zuge und nur der Polizeischutz ermöglichte ihnen ihre peinliche Zusammenrottung, doch blieb auch auf dem zentralen Platz von Hellersdorf der "normale Hellersdorfer" unterrepräsentiert. Müssen sich die braven Bürger wirklich von Jugendlichen, die sich auf ihrem T-Shirt sarkastisch selbst als "3. Wahl" abqualifizieren, zeigen lassen, was eine menschliche Haltung ist? das schließt linke Politiker ein, die mir nicht aufgefallen sind. Haben die Angst, mit Ausgespuckten der heutigen Ellenbogengesellschaft zusammen gesehen zu werden … weil das Wählerstimmen kosten könnte?


Ein Sprechchor am Rande: "Ihr habt den Krieg verlorn!" Ein Bekenntnis zur Leistung der Roten Armee, die die Hauptlast trug und die Hauptleistung vollbrachte, die Welt mit Deutschland darin vom Faschismus zu befreien. Dass sich das gegen die unverbesserlichen neuen Faschismus richtete, war klar. Irgendwie richtete es sich aber eben auch gegen die Masse der Mitläufer, der deutschen, die eben versäumt haben, eine Katastrophe zu verhindern, als das noch gegangen wäre, und dann wie besoffen über Menschen hergefallen sind, denen nur ein Verbrechen zur Last gelegt werden konnte. Sie wollten leben … und heute wollen sie es immer noch ...  

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